DIE ORTHODOXE JOHANNESKAPELLE
ZU KEVELAER
Patrozinium: Heiliger Apostel und Evangelist Johannes der Theologe
Stadt: 47623 Kevelaer
Landkreis: Kleve/ Niederrhein
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Bistum: Münster
Gründungsgeschichte und Bedeutung

Gnadenbild der Muttergottes 'Trösterin der Betrübten' zu Kevelaer
Der Rektor des katholischen Marienwallfahrtsortes Kevelaer am Niederrhein, Prälat Schulte Staade, erinnert sich gerne daran, dass die Idee für eine orthodoxe Kapelle ihm Ende der siebziger Jahre ein orthodoxer Grieche gegeben hat, der als Zeichen der Dankbarkeit für eine Gebetserhörung dem Rektor ein goldenes Medaillon als Gabe für das Gnadenbild „Maria Trösterin der Betrübten“ überreichte. Als Pastor Schulte Staade den Mann fragte, wieso er, ein orthodoxer Gläubiger, einem katholischen Gnadenbild ein so kostbares Geschenk mache, habe der Grieche ihm geantwortet: „Es ist überall die eine Muttergottes Maria, für die Katholiken und für die Orthodoxen“. Diese Antwort hat Pastor Schulte Staade begeistert und davon überzeugt, dass gerade in Kevelaer, einem Wallfahrtsort der Gottesmutter, die orthodoxen Gläubigen Geborgenheit und eine zweite Heimat finden müssen.
Aber erst am Ende der achtziger Jahre wurden Gesprächskontakte mit den Vertretern der verschiedenen autokephalen orthodoxen Kirchen in Deutschland aufgenommen und deren Zustimmung für den Bau einer orthodoxen Kapelle in Kevelaer angefragt.

Metropolie Bonn
Ein freudiges Ergebnis dieser Kontakte war die Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen den einzelnen orthodoxen Bischöfen und der Wallfahrtsleitung Kevelaer am 16. August 1989 über die Einrichtung einer orthodoxen Kapelle in Kevelaer, die einerseits für alle orthodoxen Christen gleichermaßen offenstehen sollte, andererseits nur von den autokephalen orthodoxen Kirchen für liturgische Feiern benutzt werden durfte. Die Verwirklichung der Idee konnte beginnen.

Hl.-Sava-Kirche Düsseldorf
Man fand den richtigen Architekten für die Erstellung der Baupläne am Ort selbst. Der Architekt Dipl.-Ing. Franz Tiemann war von der Vorstellung, eine orthodoxe Kirche zu entwerfen – solche hatte er bis dahin nur flüchtig in Bildbänden gesehen – begeistert, denn „man baut ja nicht jeden Tag so ein Objekt“, wie er sich ausdrückte. Es folgten zahlreiche Treffen mit fachkundigen Leuten, Besichtigungen schon vorhandener, in Deutschland neugebauter orthodoxer Kirchen, wie die griechisch-orthodoxe Metropolitankirche in Bonn, die serbisch-orthodoxe Kirche in Düsseldorf u. a.

Pfingstikone, russisch, 18. Jh.
Die Bauarbeiten begannen Ende Mai des Jahres 1992, das zugleich auch das 350. Jubiläumsjahr der Marienwallfahrt zu Kevelaer war. Einer der Höhepunkte dieses Jubiläumsjahres war die feierliche Einrichtung der orthodoxen Kapelle des hl. Johannes des Theologen am 31. Oktober, dem letzten Tag der Pilgerzeit. Bei diesem im Blick auf die Ökumene außerordentlich wichtigen Ereignis waren auf seiten der orthodoxen Kirchen vertreten: die griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochien (Rum Orthodox) durch den Patriarchalvikar für Westeuropa Bischof Gabriel Saliby; die russisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats durch Erzbischof Longin (Talypin) von Klin; die serbisch-orthodoxe Kirche durch den Bischof für Westeuropa Konstantin; die bulgarisch-orthodoxe Kirche durch Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa; die koptisch-orthodoxe Kirche von Ägypten durch Priester Shehata aus Düsseldorf. Außerdem waren mehrere Priester und Diakone der genannten orthodoxen Kirchen zugegen. Seitens der katholischen Kirche war eigens aus Rom der ehemalige „Außenminister“ des Vatikans, Kardinal Agostino Casaroli, angereist, außerdem waren anwesend der irische Bischof Seamus Hegarty von Raphoe, der damalige Dompropst des Domes zu Münster und jetzige Bischof von Aachen Dr. Heinrich Mussinghoff als Vertreter des Bischofs von Münster, der apostolische Visitator für die im Westen lebenden Bulgaren Archimandrit Prof. Dr. Giorgio Eldarov aus Rom sowie zahlreiche Geistliche aus der ganzen Diözese Münster.
Der Festakt begann in der Kevelaerer Basilika St. Marien mit einer orthodoxen Vesper, musikalisch begleitet vom Kevelaerer Kammerchor „Ioan Kukuzel“ unter der Leitung der gebürtigen Bulgarin Frau Stefka Michel, die auch diesen Chor 1988 gegründet hat.
In seiner Ansprache als Hausherr in der Basilika brachte der Rektor der Wallfahrt Richard Schulte Staade seine Freude über die Realisierung eines langjährigen Traumes zum Ausdruck und bedankte sich bei all denen, die ihn bei der Verwirklichung dieses nicht gerade leichten Vorhabens unterstützt hatten.

31.10.1992: Gebet vor dem Kevelaerer Gnadenbild
Nach der Vesper zogen die Gläubigen in feierlicher Prozession aus der Basilika, den vorangetragenen Ikonen (die heiligen Bilder der orthodoxen Kirche) folgend, die von den einzelnen orthodoxen Kirchen für die neu zu errichtende Kapelle gestiftet waren, wobei sie die Fürbitten zu allen Heiligen sangen. Vor dem Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten“ machte die Prozession halt, um Maria mit dem ältesten überlieferten Mariengebet „Unter deinen Schutz und Schirm…“ in deutscher Sprache zu grüßen. Das gleiche Gebet, von dem Chor in kirchenslavischer Sprache gesungen, wurde aus der Johanneskapelle über Lautsprecher auf den ganzen Kapellenplatz übertragen.

Prozession zur Johanneskapelle
Begleitet von den Klängen des Hymnos Akathistos „an die hochheilige Gottesgebärerin“ erreichte der Zug dann die Johanneskapelle an der Amsterdamer Straße. Feierlich wurden die Ikonen eingeführt und von den einzelnen orthodoxen Bischöfen gesegnet.
Während der Chor in kirchenslavisch „Mnogaja leta (Auf viele Jahre)“ sang, wurden alle Anwesenden in der Kapelle von den orthodoxen Hierarchen gesegnet, zum Schluss auch von Kardinal Casaroli. Dieses für einen römisch-katholischen Wallfahrtsort einzigartige Ereignis ging mit einem Empfang im Gemeindesaal des Petrus-Canisius-Hauses zu Ende.
In den Jahren seit der Errichtung der Johanneskapelle hat sich die Verbindung zwischen Ost und West in der Verehrung der Gottesgebärerin an dem Mariengnadenort Kevelaer immer mehr entfaltet und vertieft. Die regelmäßigen Gottesdienste, die von den Priestern der verschiedenen orthodoxen Kirchen gefeiert werden, haben die multinationale orthodoxe Gemeinde in Kevelaer geeinigt und den einzelnen orthodoxen Gläubigen Geborgenheit und Heimat geschenkt. Jährlich besuchen auch die Vorsteher der einzelnen autokephalen orthodoxen Kirchen in Deutschland die kleine orthodoxe Kapelle am Marienheiligtum. So ist die Johanneskapelle auch ein begrüßenswerter Anfang, um den Zusammenhalt der Orthodoxie in Deutschland zu fördern und zu stärken. Aber nicht nur die Orthodoxen besuchen die Gottesdienste in der Johanneskapelle. Auch Christen anderer Konfessionen und verschiedener Nationalitäten nehmen an den liturgischen Feiern teil, um auf ihre Art und Weise die Einheit der Kirche zu bezeugen. So wird durch die Verehrung der allheiligen Gottesmutter Maria in den Herzen der Besucher die goldene Brücke der Vereinigung zwischen den christlichen Kirchen geschlagen, die in einem zunehmend entchristlichten Europa auch neue Impulse zur Umkehr und Versöhnung in Gott geben kann.


Februar 27, 2009 at 19:50
[...] Die orthodoxe Johanneskapelle zu Kevelaer. Von Stefka Michel [...]